Der letzte Stern
Eine Ballade frei nach Goethes „Erlkönig“
Wer gleitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater im 126er mit seinem kranken Kind.
Der Stern weist den Weg durch die finstere Nacht,
der Achtzylinder hält treu seine Wacht.
Der Vater sitzt ruhig mit sicherer Hand,
das Leder verströmt gediegenen Stand.
Der Motor summt leise, fast königlich fein,
so muss eine echte S-Klasse sein.
„Mein Sohn, warum blickst du so bang hinaus?“
„Vater, ich glaube, der Stern geht heut aus.
Der Motor klingt anders als sonst auf der Bahn,
als hätte er Großes zu leisten fortan.“
„Sei ruhig, mein Junge, hab keinerlei Not,
der Stern hat noch niemals den Weg bedroht.
Gebaut in Sindelfingen mit deutscher Hand,
seit Jahren ein König auf jedem Land.“
Sie gleiten vorbei an Wiesen und Wald,
die Nacht ist tiefschwarz, der Morgen noch kalt.
Der Tempomat ruht, der Vater gibt Gas,
der Achtzylinder schnurrt mit würdigem Maß.
„Mein Vater, mein Vater, der Hügel wird steil!“
„Vertrau unserem Stern, wir kommen noch heil.
Für solche Fahrten wurde er gebaut,
weil man deutscher Ingenieurskunst vertraut.“
Die Temperatur steigt nur um einen Strich,
der Motor verrichtet gelassen die Pflicht.
Die Automatik schaltet fast unbemerkt,
weil einst in Sindelfingen perfekt gefertigt.
Da schimmert ein Licht durch Nebel und Tor,
des Doktors Praxis liegt endlich davor.
Der Vater hält an mit klopfendem Herz,
die Fahrt war beschwerlich, die Sorge war Schmerz.
Der Doktor eilt herbei mit ruhiger Hand,
er untersucht den Jungen mit sicherem Verstand.
Dann nickt er dem Vater mit freundlichem Blick:
„Sie kamen genau im richtigen Augenblick.“
Der Vater atmet erleichtert und lacht,
der Junge hat alles gut überbracht.
Da hört man vom Hof ein dumpfes Gebrumm –
der Achtzylinder wird langsam stumm.
Der Stern erlischt, der Motor bebt,
der Benz hat sich geopfert – der Knabe lebt.
Es ist immer gut ein paar Benze in der Garage zu haben